UNDINE KONZEPT

I. Projektskizze

Das UNDINE Projekt ist ein herausragender, aber mittlerweile integrierter Bestandteil der Hilfsangebote des Jugendhilfezentrums GANGWAY.

Jede Seereise ist als in sich abgeschlossene Einheit konzipiert. Sie findet mit einem festgesetzten Zeitrahmen und unter einer bestimmten Aufgabenstellung statt. Dennoch kann sie im Einzelfall auch den Einstieg in andere Hilfsangebote des Vereines darstellen.

Die Stammcrew besteht aus zwei Berufsseeleuten (Kapitän, und Steuermann) und zwei seemännisch angelernten SozialpädagogInnen/ErzieherInnen. Einige der die UNDINE fahrenden Berufsseeleute haben auch eine pädagogische Ausbildung. Das Gelingen der Integration der beiden Erfahrungswelten - der pädagogischen wie der seemännischen - ist Voraussetzung für die erfolgreiche Arbeit und macht gleichzeitig einen guten Teil der Stärke des Projektes aus.

Die UNDINE ist das letzte Frachtsegelschiff Europas. Das Schiff ist von der See- Berufsgenossenschaft (SeeBg) und dem Germanischen Lloyd (GL) abgenommen und unterliegt damit einer jährlichen Überprüfung durch beide Behörden.
Im Vorschiff befinden sich ein großer Querschiffsraum, in dem die Jugendlichen schlafen, mit acht Kojen, Schränken und Bänken für die Sachen der Jugendlichen und einem großen Tisch und eine Kammer mit zwei Kojen.
In einem Raum an Deck befindet sich das „Roof“ (Decksaufbau) als Zentrum des Bordlebens, Schutzraum für die Wachen, Kombüse und Raum für gemeinsame Mahlzeiten der Crew. Im Achterschiff befinden sich zwei Kammern mit vier Kojen für die Stammcrew und die Navigationseinrichtung mit Kartentisch.

GANGWAY setzt das Segelschiff als bewährtes Medium sozialpädagogischer Arbeit ein. Es verbindet erlebnispädagogische Ansätze mit der Arbeitswelt der Berufsschifffahrt, Naturerlebnis mit Ladungsgeschäft, soziales Lernen mit Wertschöpfung.
Für psychosoziale Stabilisierung ebenso wie für das Einüben alltagspraktischer Tugenden hat sich die Verbindung von Segelschiffspädagogik mit einem klar definierten Arbeitsauftrag besonders geeignet gezeigt.
Die Reisen der UNDINE ergeben nicht nur vordergründig einen handfesten, plausiblen Sinn. Sie „riechen“ weder für die Jugendlichen noch für neugierige Hafenbummler nach einer sozialpädagogischen Inszenierung. Die Crew macht nicht Urlaub auf einer Luxusjacht, sondern hat ihren Arbeitsplatz auf einem Frachtsegler mit einem förmlichen Dienstvertrag und festen Arbeitszeiten.
Als ein vielschichtig differenziertes System einfacher Technik, bietet ein Segelschiff ein breites Betätigungs- und damit Bestätigungsfeld. Es lässt Erfolgserlebnisse zu und wirkt als Identifikationsobjekt. Die sachliche Notwendigkeit kollektiven und solidarischen Handelns der Gesamtbesatzung in Verbindung mit den engen räumlichen Verhältnissen an Bord erzeugt fortlaufend intensive soziale Kontakte.

Das UNDINE Projekt macht sich jedoch noch einen anderen Aspekt zu nutze: Segelschifffahrt als eine in vielfacher Hinsicht exotische Lebensform bedeutet einen radikalen Bruch mit gewohnten Abläufen. Das Schiff bildet eine überschaubare kleine Welt in einer komplexen großen Umwelt. Dies schafft Raum, sich abseits der Reize und Einflüsse des regulären Alltags auf das Wesentliche zu besinnen und kann eine Werteverschiebung nach sich ziehen und zu neuer Selbstdefinition führen (Umgang mit Ressourcen wie Wasser, Lebensmitteln, Lebensraum wird ebenso neu definiert, wie sozialer Umgang und Arbeitsverhalten). Die erlebnisintensiven körperlichen, kognitiven, intellektuellen und seelischen Herausforderungen fordern eine neue Standortbestimmung des Einzelnen zu sich und seiner Umwelt.
Diese neue Standortbestimmung bildet einen weiteren Schwerpunkt der pädagogischen Arbeit an Bord. Die „Auszeit“ wird zur Chance, durch pädagogische Begleitung (weniger im Sinne von Beziehungsarbeit als im Sinne von Coaching) die aktuelle Lebenssituation zu reflektieren und gemeinsam einen konkreten Plan zu erarbeiten, wie es nach der Seereise weitergehen soll.

Die UNDINE fährt als Frachtschiff d.h. das beinhaltet den Transport von z.B. Holz und Warengütern oder Hilfsgütern für soziale Organsationen. 


Die Erwachsenen-Crew besteht aus erfahrenen Seeleuten und pädagogischen Fachkräften. Im Rahmen des arbeitspädagogischen Konzeptes bietet das Projekt Platz für sechs Jungen und Mädchen. Das Leben an Bord wird zum Lern- und Übungsfeld, die jugendliche Crew ist eingebundenen in den Schiffsbetrieb. Mit allen Jugendlichen werden in Form von Einzelarbeit während der Seereise individuell Perspektiven geplant und entwickelt.

II. Art und Ziele der Leistung

1. Hilfeart und Rechtsgrundlage
Das UNDINE-Projekt ist ein Angebot sowohl für weibliche als auch für männliche Jugendliche ab 14 Jahren. Es handelt sich um ein vollstationäres Angebot der Hilfen zur Erziehung nach §§ 27/34/41 SGB VIII.
Die Fahrt auf der UNDINE gewährleistet eine „Rund-um-die-Uhr“- Intensivbetreuung.

2. Merkmale des Angebotes
Das UNDINE-Projekt ist konzipiert als Kurzzeit- und/oder Krisenintervention für Jungen und Mädchen, für die es sinnvoll und angezeigt ist, für den Zeitraum einer Seereise das gewohnte Umfeld/Milieu zu verlassen und in einer völlig neuen und ungewohnten Umgebung im Rahmen der pädagogischen Begleitung eine neue Orientierung für ihr künftiges Leben zu erarbeiten. Beginn, Ende und Arbeitsauftrag der Hilfe sind für alle Beteiligten durch den gemeinsam entwickelten Hilfeplan klar vorgegeben und definieren die Basis der Zusammenarbeit.
Ziel ist es, am Ende des vereinbarten Zeitraumes Klarheit über die weitere Hilfeplanung und weitere Perspektiven zu erlangen.
 
Gleichzeitig macht sich das UNDINE-Projekt die Möglichkeiten der Segelschiffpädagogik zu nutze: Als Mitglied einer Besatzung, die nötig ist um den Segelschiffsbetrieb zu gewährleisten, lernen die Jugendlichen im Team zu arbeiten. Ihr Selbstwertgefühl wird durch das „Gebrauchtwerden“ gestärkt und sie finden in diesem Rahmen eine für sie oftmals ungewohnte Anerkennung durch Erwachsene.
Insgesamt erfordert der Alltag auf dem Schiff eine fortwährende Abstimmung von gemeinschaftlichen und individuellen Interessen. Die Jugendlichen erfahren dabei, wie sich eigene Bedürfnisse mit Pflichten vereinen lassen. In diesem Prozess können sie ihre Konfliktfähigkeit schulen und soziale Kompetenzen entwickeln.
Die Fahrt auf einem Frachtsegelschiff bedeutet aber auch einen radikalen Bruch mit gewohnten Abläufen. Durch die Auseinandersetzung mit den bisher entwickelten Strukturen und der unausweichlichen Situation an Bord wird den Jugendlichen die Möglichkeit zur Selbstreflexion geboten und mit Hilfe der Erwachsenen sich andere Verhaltensmuster anzueignen.

Die Arbeit ist in das Gesamtkonzept GANGWAYs integriert. Es erfolgt eine enge Zusammenarbeit und Kooperation auch mit anderen Anbietern der Jugendhilfe und dem zuständigen ASD.
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