Reisebericht der 2. UNDINE - Reise 2008

Am Abreisetag hat der Kapitän ein Vorgefühl: ,,Wenn die erstmal alle vollzählig an Bord sind…“ Und richtig, als mittags Susanne mit den Jugendlichen aus Hamburg eintrifft, ist die Gruppe bereits geschrumpft. Ein Mädchen ist krankheitsbedingt ausgefallen. Mit nur mehr zwei Jungen und zwei Mädchen (Sebastian, Vanessa, Clementin und Johanna) laufen wir nach einer ersten Sicherheitseinweisung aus Neustadt aus.

Unser erstes Ziel ist die Travemündung, wo wir abends in der Pötenitzer Wiek vor Anker gehen.
Bereits in der Lübecker Bucht bekommen wir einen leichten Vorgeschmack von Wind und Seegang.
Nicht nur die ersten Versuche der Jugendlichen am Steuerrad werden von der Dünung aus Nordost erschwert, auch mit Seekrankheit haben einige zu kämpfen.
Abends in der geschützten Ankerbucht nehmen die Jungendlichen dann ganz anderen Kontakt mit dem nassen Element auf. Es wird gebadet.
Am nächsten Tag steht ein Bootsmanöver auf dem Programm, doch fällt dies buchstäblich ins Wasser, denn das hölzerne Beiboot der Undine ist im vorangegangenen trocken-heißen Wetter so ausgetrocknet, dass es undicht ist und erst gewässert werden muss.
Als Alternativprogramm setzen wir vor Anker nach einer gründlichen Einweisung zur Übung das Schonersegel. Danach sind alle völlig erschöpft. Wer hätte gedacht das Segeln mit Anstrengung verbunden ist?!
Doch die eingeübten Fähigkeiten können auf der nächsten Etappe in die Wismarbucht gleich angewendet werden.

Da wir mit nur vier Jugendlichen nicht alle drei Wachen ausreichend besetzen können, beschließen wir, vorerst nur tagsüber zu fahren und abends in geschützten Buchten vor Anker zu gehen.
Gleichzeitig werden große Pläne geschmiedet:
Das Logis im Vorschiff soll umgebaut werden, sodass aus der bisherigen Achterkammer Zwei 4er Kammern entstehen. Das macht uns flexibler in der Aufnahme weiterer Jugendlicher als gemischte Gruppe aus Jungen und Mädchen und gleichzeitig kann dann auch die Zweierkammer im Vorschiff, das “Hotel zum Anker“, wieder von den Erwachsenen genutzt werden.
Rainer, der Pädagoge an Bord, übernimmt die Bauleitung, was im sogleich den Spitznamen “Meister Röhrich“ einbringt.
Von unserem Ankerplatz vor Bagenkop stecken wir unseren nächsten Kurs ab auf den Baumarkt in Eckernförde, wo wir das Material für den Umbau besorgen wollen. Auf besonderen Wunsch von Rainer und Jörg gehen wir unter Segeln ankerauf und das Manöver klappt auch bis auf etwas Wuhling ganz gut.
In Eckernförde kommt dann auch als fünfter Jugendlicher noch Kevin an Bord, ein alter Bekannter und erfahrener Undine-Fahrer aus dem letzten Jahr.

Das anschließende Wochenende wird geprägt von den Bauarbeiten im Vorschiff. Um die nötige Ruhe dazu zu finden, gehen wir in der geschützten Schleimündung vor Maasholm vor Anker.
Dort wird gesägt, geschraubt, eingepasst, montiert, etc., bis die neue Trennwand im Logis steht. Alle die nicht unmittelbar an den Arbeiten beteiligt sind, verfolgen mit regem Interesse den Fortgang des Umbaus durch die Oberlichter mit.
Gleichzeitig geht natürlich der normale Bordbetrieb weiter. Vanessa als 8-12-Wachgängerin, verwöhnt uns regelmäßig mit schmackhaften Mahlzeiten, während die anderen an Deck unter Jens´ Anleitung das Klettern in der Takelage üben und schadhaftes Tauwerk auswechseln.

Am Montag verholen wir in die Flensburger Förde. Gegen Mittag briest der Wind bis auf Stärke 6-7 Bft auf. Zwar sind wir in der Förde verhältnismäßig geschützt, es entstehen keine großen Wellen, doch am kleinen Steg der „Großen Ochseninsel“, für die die Holzladung im Bauch der UNDINE bestimmt ist, können wir bei dem Wind nicht anlegen, sodass wir zunächst noch einmal in Sichtweite der Ochseninseln vor Anker gehen müssen.
Dort werden dann die letzten Arbeiten im Logis fertig gestellt, sodass die Jungen und Mädchen und auch Rainer ihre neuen Quartiere beziehen können.

Der nächste Tag ist von den Löscharbeiten geprägt. In einer langen Kette reichen wir Hand über Hand zuerst ca. 300 Pakete Feuerholz in Säcken und danach die einzelnen Buchenrundhölzer aus dem Laderaum bis auf den Steg. Dort werden sie von den Inselbewohnern in Empfang genommen, für die unsere Ladung als Brennholzvorrat für den Winter bestimmt ist.
Alle helfen fleißig mit, sodass nachmittags nach dem Kaffee der Laderaum ratzekahl leer ist.
Mittags ist Massih, der sechste im Bund der Jugendlichen, an Bord gekommen und hat so die Möglichkeit, sich während der Löscharbeiten gleich in die Gruppe zu integrieren.
Abends werden wir alle von Bettina, Jenni, Olli und Rüdiger, den Betreibern der Inselgaststätte, an Land zum Essen eingeladen.

Auf allgemeinen Wunsch der Jugendlichen und Erwachsenen an Bord wird am anschließenden Tag Ausschlafen angeordnet.
Als es dann gegen Mittag auf der UNDINE langsam lebendig wird, regnet es leider fast ununterbrochen in Strömen, sodass die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung beschränkt bleiben.
Einige der Jugendlichen freunden sich mit dem Sohn des Inselfährmeisters an und fahren den halben Nachmittag mit ihm und seinem Speedboot um die Insel. Die Anderen lassen sich mit unserem Beiboot zu einem Ausflug auf die Festlandseite übersetzen oder bleiben an Bord und spielen Karten oder Mensch-Ärger-Dich-Nicht.
Zum Essen fahren wir alle rüber zu Annies berühmter Pølser-Bude und genießen dänische Hotdogs.


Am nächsten Tag laufen wir aus in Richtung Fåborg, den ersten ausländischen Hafen dieser Reise. Dort stürmen die Jugendlichen sofort los an Land, kommen jedoch recht bald enttäuscht wieder zurück. In dänischen Kleinstädten ist nach 18 Uhr nichts mehr los. Alle Läden haben geschlossen. Zudem regnet es mal wieder in Strömen. Die größte Attraktion bei dem trüben Wetter an Land bleiben die Waschräume des Hafengeländes mit ihren warmen Duschen.

Am Freitag fahren wir den kleinen Belt hoch bis Kolding. Johanna steuert die UNDINE beim Einlaufen durch den Tonnenstrich wie ein erfahrener Seemann.
In Kolding kommt Werner an Bord, um Jens für eine Woche als Kapitän abzulösen. Fast alle sind traurig über den Abschied.
Clementin und Massih wissen sich jedoch sehr schnell mit der dänischen weiblichen Jugend zu trösten.
Auf jeden Fall haben wir mit Werner einen erfahrenen Undine-Fahrer und würdigen Vertreter für Jens an Bord.
Von Kolding geht unsere Reise weiter den Kleinen Belt hoch. Vanessa steuert stolz und souverän unter den beiden Brücken hindurch, die Fünen mit dem dänischen Festland verbinden.
Am Ausgang des Belts, wieder in offenem Wasser, biegen wir nach Osten ab und segeln entlang der Nordküsten von Fünen und Seeland Richtung Nordeingang Öresund.
In dieser ersten Nacht auf See zeigt sich, wer von den Jugendlichen wirklich den Willen hat sich durchzubeißen, auch wenn es ungemütlich wird. Nicht alle erscheinen bei Dunkelheit und Kälte zu ihren Wachen, sondern ziehen es trotz wiederholter Weckversuche vor, in ihren warmen Kojen zu bleiben.
Vorsorglich haben wir nur drei Vorsegel gesetzt, um so das Schiff auch mit verminderter Besatzung sicher handhaben zu können.
Gegen Morgen nimmt der Wind so weit zu, dass wir beschließen, den Hafen von Helsingør anzulaufen.
Das geplante Highlight Kopenhagen erreichen wir von dort aus mit dem Zug. Zuerst jedoch muss das Schiff wieder auf Vordermann gebracht werden: ein Riss im Innenklüver wird genäht, schadhaftes und altes Tauwerk wird ausgewechselt und es wird gründlich Reinschiff gemacht, d. h. geputzt.
Zur Belohnung gibt es dann anschließend den Ausflug in die Hauptstadt.
Dieser stellt sich für die Jugendlichen jedoch recht bald als eine echte Herausforderung dar:
In Kopenhagen werden sie schlagartig wieder mit allen Verlockungen und Lastern der Großstadt konfrontiert, aus deren Milieu sie durch die UNDINE-Fahrt herausgelöst worden sind, und nicht allen gelingt es, diesen Versuchungen zu widerstehen.
Entsprechend explosiv ist die Stimmung am nächsten Tag.
Wir laufen aus in Richtung Süden und legen uns vor Køge vor Anker, um das weitere Vorgehen zu besprechen und wieder etwas Ruhe in die Gruppe zu bekommen.
Am nächsten Morgen laufen wir in Køge ein und bringen Clementin zum Bahnhof. In beiderseitigem Einverständnis soll für ihn die Reise hier zu Ende sein.
Mit den verbliebenen fünf Jugendlichen nehmen wir Kurs Richtung Osten.
Werner überzeugt sich noch einmal, ob wir auch genügend Wind zum Segeln haben. Zur Vorsicht stecken wir noch im Hafen zwei Reffs ins Großsegel.
Mit einem frischen Südwest der Stärke 6-7 segeln wir nur unter Großsegel und Vorsegeln am Leuchtturm Falsterbo vorbei und von dort aus weiter nach Osten.
Heute ist Susannes Geburtstag. Zur Feier des Tages gibt es Erdbeertorte. Wir müssen aufpassen, dass bei dem Seegang der Kuchen nicht über Stag geht.
Abends nimmt der Wind weiter zu auf 7-8 Bft. Wir stecken das dritte Reff ins Großsegel und laufen immer noch gut 6 Knoten. Von den Jugendlichen zeigt sich niemand mehr an Deck.
Unter den Erwachsenen sind die Meinungen geteilt und variieren von „voll geil“ über „gute Erfahrung“ bis hin zu „unnötige Belastung von Mensch und Material“.
Auf jeden Fall wird es eine lange und anstrengende Nacht, bis wir im Morgengrauen Hammerodde, die Nordwestspitze Bornholms, umrunden und uns zum Frühstück einen geeigneten Ankerplatz suchen.
Die Küste von Bornholm ist steil und steinig und dementsprechend schwierig ist es, guten Ankergrund zu finden.
Als nach dem zweiten Versuch und zweimaligem kräftezehrendem wieder Hochkurbeln der Kette der Anker immer noch nicht halten will, hat niemand mehr rechte Lust, es noch mal zu versuchen.

Zudem haben wir beobachtet, wie sich kurz zuvor ein Stück Tau in der Schiffsschraube der UNDINE verfangen hat und nun bangen wir alle um die empfindliche Wellendichtung.
Auf Anraten von Jens laufen wir den nahegelegenen Fischereihafen Tejn an und erkunden uns auf der Werft nach den dortigen Dockmöglichkeiten.
Schon am nächsten Morgen, bevor Freitag mittags in Dänemark das Wochenende eingeläutet wird, werden wir mit der UNDINE auf die Hebebühne genommen und wenig später liegt die „Alte Lady“ hoch und trocken. Ein ungewöhnlicher und aufregender Anblick.
Wir spritzen den Rumpf mit einem Hochdruckreiniger ab und säubern so das Unterwasserschiff von Algen und Seepocken.
Bei den Jugendlichen rangiert diese Aktion bisher auf der Coolheits-Skala ganz oben und ausnahmsweise helfen alle aktiv und interessiert mit. Doch nur die kräftigsten unter ihnen trauen sich, das schwere Strahlrohr des Hochdruckreinigers zu bedienen.
Für die Stimmung an Bord ist die Dock-Aktion das Highlight der Reise und somit jetzt schon ein voller Erfolg.

Nachdem das Schiff äußerlich sauber ist, nimmt ein Mitarbeiter der ortsansässigen Hafenschmiede die Schutzhaube über der Stevenrohrdichtung ab.
Darunter finden wir tatsächlich Reste von Tauwerk, Tuch und einer Angelschnur. Zum Glück jedoch ist die Dichtung selbst noch unbeschädigt.

Von der Hebebühne wird die UNDINE auf ihrem Slipwagen an Land gezogen. Den staunenden Touristen erzählen wir, dass wir jetzt anstatt Bornholm auf dem Seeweg zu umrunden, die Insel mit dem Schiff auf dem Landweg überqueren wollen.

Das Wochenende auf dem Trockenen nutzen wir für weitere Arbeiten am Rumpf. Wir säubern die Opferanoden, malen die Ahmings nach und polieren Propeller und Ruderblatt.
Samstag Nacht frischt der Wind auf und die UNDINE beginnt auf dem Slipwagen zu ächzen und zu wackeln. Ein ungewohntes und nicht sehr beruhigendes Gefühl. Doch es geht alles gut.
Am Sonntag kommt Jens zurück an Bord. Von einigen wird er bereits sehnsüchtig erwartet. Zur Begrüßung haben wir uns eine ganz besondere Überraschung einfallen lassen: mit Menninge haben wir in großen Buchstaben einen Willkommensgruß auf das Unterwasserschiff der UNDINE gemalt!
Abends feiern wir alle zusammen eine Grillparty auf der Pier und Werner gibt eine Runde alkoholfreies Bier aus.
Den Montag verbringen wir mit Restarbeiten am Schiff und abends gibt es Lagerfeuer und Stockbrot.

Am Dienstag dann geht es zurück ins Wasser. Dabei sind wir mal wieder die Touristenattraktion Nr. 1, vor allem auch für die Gäste des deutschen Segelschiffes SEUTE DEERN, das neben uns an der Pier liegt.
Nachdem wir die UNDINE seeklar gemacht haben, laufen wir aus Tejn aus und nehmen Kurs auf Schweden.
Bei leichten südwestlichen Winden können wir zum ersten Mal Vollzeug setzen, d. h. Großsegel, Schoner und vier Vorsegel.
Rainer und Sebastian machen das Beiboot klar, um Beweisphotos zu schießen. Derweil ziehen von Westen dunkle Regenwolken auf.
In letzter Minute, bevor ein heftiger Platzregen niedergeht, sind die beiden wieder sicher an Bord zurück.
Abends suchen wir uns vor der schwedischen Küste in Sichtweite von Simrishamn einen Ankerplatz.
Am nächsten Morgen nimmt der Wind zu und wir laufen in Simrishamn ein. Der Hafen ist voller Fischerboote und wir haben Glück, dass wir den letzten freien Liegeplatz bekommen.
Unsere Reise neigt sich langsam ihrem Ende zu und wir haben viel vor hier.
Zum einen wollen wir die UNDINE vor unserer Rückkehr nach Hamburg noch mal richtig auf Vordermann bringen, zum anderen muss für die Jugendlichen die Heimkehr, bzw. das was danach kommen soll, vorbereitet werden.
An Deck wird gebürstet, gemalt, gespleisst, geputzt, während im Roof die Köpfe rauchen. Es werden Bewerbungen geschrieben, Jugendämter und Eltern kontaktiert und schließlich stehen auch noch die Abschlussberichte an, an deren Ausarbeitung die Jugendlichen mit beteiligt werden sollen.

Nach drei Tagen intensiven Arbeitens verlassen wir am Samstag Simrishamn, um uns nun auch räumlich ein weiteres Stück Richtung Heimat vorzuarbeiten.
In strömendem Regen fahren wir unter Maschine die Südküste Schwedens entlang Richtung Westen und legen uns abends südlich von Falsterbo vor Anker.
Über Nacht durchfahren wollen wir nur noch im Notfall, da wir im normalen Tagesrhythmus all unsere Kräfte benötigen, um die letzten Vorbereitungen für die Heimkehr zu treffen.
Für die Nacht ist unstetiger Wind aus wechselnden Richtungen angesagt, sodass wir zur Sicherheit 60 Meter Ankerkette stecken. Diese muss natürlich am nächsten Morgen mit der Handwinde auch wieder hochgehievt werden.
Massih, unser „Massihnist“, schmeißt nach dem Frühstück selbständig die Hauptmaschine der UNDINE an und dann wird gekurbelt. Dabei zeigt sich nun, was Teamwork wert ist, denn einer alleine kann hier nicht viel ausrichten.
Unser nächstes Etappenziel heißt Møn. Dort wollen wir Ocke, ein weiteres Besatzungsmitglied, an Bord nehmen.
Wir gehen vor Klintholm vor Anker und ein Begrüßungskomitee rudert mit dem Beiboot an Land, um ihn abzuholen. Gleichzeitig kundschaften sie aus, ob im Hafen Platz für uns ist, sodass wir dann abends auch mit der UNDINE dort einlaufen können.
Denn an Bord werden mal wieder große Pläne geschmiedet:
Da für unsere restliche Heimreise vorwiegend westliche und südwestliche Winde angesagt sind, für uns also genau von vorn, wollen wir die geschützte Passage durch Grönsund, Storström und Smålandsfahrwasser nutzen. Eine absolute Premiere für die UNDINE.
Doch für diese Durchfahrt müssen wir uns nicht nur in Klintholm erst noch die entsprechenden Seekarten besorgen, wir müssen auch, um unter zwei Brücken mit nur 26 Metern Durchfahrtshöhe drunter herzupassen, die Stengen der UNDINE fieren.
Doch vorher steht noch ein weiteres Highlight an, das wir uns nicht nehmen lassen wollen: die Kreidefelsen von Møn.
Bei strahlendem Sonnenschein legen wir uns mit der UNDINE vor dem „Dronningestol“, der mit 128 Metern höchsten der berühmten Klippen, vor Anker und setzen mit dem Beiboot zum Strand über. Von dort führt eine Treppe durch urwüchsige Natur die Steilküste hinauf.
Von oben bietet sich uns ein herrlicher Ausblick über die Ostsee und klein wie ein Spielzeugschiff liegt weit unten die UNDINE.
Der Anblick erinnert an einsame Inseln und Szenen aus einem Piratenfilm.
Der krönende Abschluss des Ausflugs ist dann natürlich für die Jugendlichen die Eisdiele oben auf den Klippen, die zwar nicht in die Abenteuerromantik passt, an der aber trotzdem kein Weg vorbeiführt.
Als mittags alle wieder zurück an Bord sind, gehen wir ankerauf und laufen von Süden in den Grönsund ein. Dort legen wir nachmittags in Sichtweite der ersten Brücke im Hafen von Stubbekøbing an, um noch am selben Tag die Stengen herunterzunehmen.
Eine spannende Aktion, die die meisten an Bord zum ersten Mal mitmachen. Über Umlenkrollen und Seilwinden werden die Stengen mit dem Ankerspill zuerst etwas angehoben, dann wird der Sicherungsbolzen entfernt und anschließend beide Stengen gleichzeitig senkrecht nach unten gefiert. In dieser Position werden sie mit Spanngurten gesichert.
Mit uns liegen noch mehrere andere Segelschiffe im Hafen, von denen eines anscheinend die gleiche Idee hat wie wir.
Am nächsten Morgen fahren wir Seite an Seite mit heruntergelassenen Stengen unter den Brücken durch.
Direkt hinter der zweiten Brücke biegen wir scharf links ab und gehen an einer verlassenen Industriepier längsseits, um unsere Stengen wieder hochzukurbeln. Die ganze Aktion dauert nicht länger als eineinhalb Stunden. Dann sind wir wieder unterwegs, um bis zum Abend noch ein weiteres Stück Wegstrecke Richtung Heimat gutzumachen.
Nachmittags fahren wir durch das malerische aber leider völlig verregnete Smålandsfahrwasser und zum Dunkelwerden finden wir einen geschützten Ankerplatz hinter der kleinen dänischen Insel Omø.
Das Hochkurbeln der obligatorischen 60 Meter Kette am nächsten Morgen ist mittlerweile schon zur fast alltäglichen Gewohnheit geworden. Das schaffen wir mit links. Massih und Sebastian beweisen uns sogar, dass sie die ganze Länge ohne Ablösung am Spill durchhalten.

Unser weiterer Kurs führt uns durch den Omøsund und dann weiter unter Landschutz die Ostküste von Langeland hinunter bis zur Südspitze der Insel, wo wir abends erneut ankern.
Von hier aus haben wir eine gute Ausgangsposition, um am nächsten Tag Kiel zu erreichen. Über Nacht soll der Wind noch mal zunehmen, zum Glück jedoch auch von Südwest auf West drehen, sodass wir ihn für unsere letzte Etappe über offenes Wasser nicht mehr genau von vorn haben werden.

Bei mäßigem Westwind brechen wir am Donnerstagmorgen unter Maschine von Langeland auf in Richtung Süden. Es ist erstaunlich wenig Seegang, sodass die UNDINE gut vorankommt. Bereits mittags erreichen wir die Kieler Förde.
Und als wir dann  nachmittags in Holtenau, dem Eingang zum Nord-Ostsee-Kanal, ankommen, ist es noch so früh am Tag, dass wir beschließen, gleich die erste Kanaletappe bis Rendsburg weiter durchzufahren.
Das Schleusen am Anfang des Kanals ist für die Jugendlichen eine spannende Sache. Immer wieder lassen sie sich erklären, wie die Anlagen funktionieren und wundern sich darüber, wie die rieseigen Schiffe dort hindurchpassen.

Die ruhige Kanalfahrt nutzen wir für die Vorbereitungen auf die nahe Ankunft in Hamburg. Die ersten Taschen werden gepackt, das Logis muss gereinigt, die Übergabe des Schiffes vorbereitet werden.
Die Jugendlichen sind nervös.
Erste Stimmen werden laut, dass sie noch nicht nach Hause wollen, lieber mit dem Schiff weiterfahren wollen. In Rendsburg noch mal Proviant bunkern und dann in Brunsbüttel Blinker rechts anstelle von links, lieber nach Spanien, oder egal wohin, anstatt  die Elbe hoch nach Hamburg. Nicht zurück in die Realität, zu ihren Problemen, die sie vor einem Monat an Land zurückgelassen haben.

Am Ende des Nord-Ostsee-Kanals, in Brunsbüttel, gehen wir am letzten Abend dieser Reise alle zusammen an Land zu einem gemeinsamen Abschlussessen.

Am nächsten Nachmittag sind wir in Hamburg zum Einlaufen an den Gangway-Pontons angemeldet. Dort sollen wir von der Presse, von Vertretern des Vereins und natürlich von den Eltern und Angehörigen der Jugendlichen begrüßt werden.
Mit der Tide fahren wir vormittags die Elbe hinauf und es scheint, als ob nicht nur das Schiff sondern auch das Wetter genau wüsste, was heute von ihm erwartet wird.
Bei strahlendem Sonnenschein und wolkenlos blauem Himmel stellt die UNDINE den neuen Geschwindigkeitsrekord von 9,5 Knoten über Grund auf und biegt genau pünktlich zum angekündigten Termin in den Reiherstieg ein.
Alle Jugendlichen und Besatzungsmitglieder tragen zum Anlegen ihre Crew-T-Shirts und werden mit Blumen, Kaffee und Kuchen empfangen.

In den letzten fünf Wochen haben wir zusammen insgesamt 927,8 Seemeilen zurückgelegt. Davon sind wir 156,9 Seemeilen gesegelt und 215,2 Meilen mit Segeln und Maschinenunterstützung gefahren.
Wir haben von Neustadt bis Hamburg bei 19,5 See- und 13,5 Hafentagen 12 verschiedene Häfen in drei verschiedenen Ländern angelaufen und haben elfmal geankert.

Nach dieser zweiten der beiden diesjährigen Reisen mit Jugendlichen durch die Ostsee ist die UNDINE nun glücklich in ihren Heimathafen Hamburg zurückgekehrt.

Jutta Wahlen

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