08.05.2006

Leserbrief über die Situation der Schulen

Hamburg, im April 2006

Sehr geehrte Damen und Herren,

so erschreckend die Ursache für den Hilferuf des Lehrerkollegiums der Berliner Rütli-Schule ist – der Brief hat auch etwas Gutes: Er hat endlich die öffentliche Wahrnehmung geweckt für Gewalt an Schulen, alleingelassene Lehrer – und damit für ein stetig wachsendes Problem.

Neu ist diese Problematik indes nicht. Was in Berlin passiert, ist Alltag an unzähligen Schulen in vielen deutschen Städten. Wer Lehrern in den vergangenen Jahrzehnten zugehört hat, weiß das. Neu sind auch Lösungen nicht, die durchaus Erfolg haben, aber viel zu selten umgesetzt werden. Wir sollten die Gelegenheit nutzen, in der Öffentlichkeit über Lösungsmöglichkeiten laut nachzudenken, neue in Erwägung zu ziehen, bereits funktionierende näher zu betrachten – und handeln.

So ist es in Hamburg etwa längst gelebte Wirklichkeit, was in ganz Deutschland diskutiert und von vielen für notwendig befunden wird: Hier arbeiten freie Träger, die Jugendhilfe und eine Schule zusammen, um gemeinsam Jugendliche aufzufangen, die kurz davor sind, eine Regelschule zu verlassen und zu Schulverweigerern zu werden. Sie haben bereits 1992 den Verein GANGWAY gegründet, um mit verhaltensauffälligen Jugendlichen zu arbeiten, deren Probleme und Schwierigkeiten zwar unterschiedlich sind, eines jedoch gemeinsam haben: Fast alle werden von den Regelschulen nicht mehr erreicht.

An der Arbeit von Gangway kann man sehen, dass auch schwierige Schüler erreicht werden können – schwierig heißt, dass sie teilweise über ein Jahr die Regelschule nicht mehr besucht haben, dass einige von ihnen bereits kriminell waren oder sind, dass sie auch Eltern haben, deren Namen in Polizeiakten vermerkt sind, dass sie mit Drogen handeln und sie konsumieren und dass sie gewalttätig sind.

Die Herkunft der Schüler erklärt, warum es in einem gewöhnlichen Schulalltag im Grunde gar nicht gelingen kann, die Jugendlichen zu unterrichten. Viele der Schüler kommen aus Familien, die sich nahezu nie aktiv um die schulische Entwicklung ihrer Kinder kümmern. Die Eltern sind oftmals sozial und wirtschaftlich völlig überfordert – wenn sie überhaupt mit ihren Kindern zusammen leben. Diese Schüler an einen (Schul-)Alltag zu gewöhnen, funktioniert nur Schritt für Schritt, in kleinen Gruppen und mit individuell abgestimmten Lösungen – in dem Sinne also, wie es das Berliner Kollegium gefordert hat: im Kleinen, außerhalb der Regelschule.

Denn im Unterschied zu Regelschulen orientiert sich das Schulangebot von Gangway an den subjektiven Ausganglagen der Schüler. Ihre Defizite sind oftmals sehr unterschiedlich, so dass die Lehrer mit den Jugendlichen individuelle Hilfe- und Förderpläne ausarbeiten. Gangway arbeitet in kleinen, für den Jugendlichen – und die Lehrer – überschaubaren Lernschritten.

Wie gut das funktionieren kann, zeigen „Erfolgsbeispiele“ der letzten Jahre. Seit es Gangway gibt, absolvierten durchschnittlich zwei Drittel der für die externe Prüfung angemeldeten Jugendliche pro Jahr erfolgreich die externe Hauptschulprüfung, ein weiterer Teil konnte mit Erfolg wieder in die Regelschule reintegriert werden, andere Jugendliche, für die eine Schullaufbahn nicht in Frage kam, konnten in anderen berufsorientierten Maßnahmen Fuß fassen.

Auch, wenn die in Gang getretene öffentliche Diskussion gut und längst überfällig ist: Die Gewalt an den Regelschulen, die Überforderung der Lehrer – all das lässt sich nicht allein durch derlei Diskussionen stoppen. Durch Angebote wie Gangway schon.

Christine Heß
(Projektleitung Schule / Gangway e.V.)

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